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Dieses Thema hat 3 Antworten
und wurde 466 mal aufgerufen
 Selbsthilfe für Erwachsene mit ADHS
Chris19882 Offline



Beiträge: 2

17.12.2019 19:37
Ein kleiner Ausschnitt meines Lebens... Ich stelle mich vor. Antworten

Hi zusammen,
Ich wollte mich hier mal vorstellen da ich vor ein paar Wochen mit ADHS diagnostiziert wurde und merke dass ADHS eine ganz schön komplexe und von Mensch zu Mensch verschiedene Eigenheit ist. Daher erst mal - danke für die Aufnahme! 🙂

Mein Name ist Chris, ich bin 31 Jahre alt und wohne in NRW. Wahrscheinlich sieht man es mir auf den ersten Blick nicht an - relativ gut gekleidet, 1,80m, schlank, normal gepflegtes Aussehen, abgeschlossenes Master-Studium, Bürojob... so weit, so normal. Innerlich habe ich wirklich ein ziemlich schlechtes Selbstwertgefühl, bin sehr unsicher, mache ständig Fehler in der Arbeit (obwohl motiviert und sehr ehrgeizig, aber nicht erfolgreich), dauersingle weil Bekanntschaften nach kurzer Zeit uninteressant und chaotisch werden, immer müde wegen sehr schlechtem Schlaf, leicht ablenk- und reizbar, impulsiv und grundsätzlich sehr chaotisch, ständig unter Starkstrom. Früher habe ich ziemlich viel Alkohol getrunken (ich habe mal eine Hochrechnung gemacht - während meiner ca. 6 1/2 - jährigen Studienzeit habe ich ca. Vierzehntausend, ja tatsächlich 14.000 Flaschen Bier getrunken, und das war ab ca. 20 Jahren, angefangen zu trinken habe ich mit 13), geraucht, Videospiele gespielt. Jetzt habe ich den Alkohol im Griff, dafür bin ich viel im Internet, an Spielen auf dem Handy, und beim Sport. Mein Suchtpotenzial ist wirklich groß und ich bin froh dass ich nie härtere Drogen genommen habe.

Eigentlich hatte ich schon immer das Gefühl dass mit mir etwas nicht stimmt. Ich bin auch ein sehr selbstreflektierter Mensch und - wenn auch nicht über die Maßen intelligent - sicherlich nicht dumm. Ich hatte schon seit ich denken kann mit Depressionen und Minderwertigkeitsgefühlen zu kämpfen, einfach weil ich scheinbar normalste Sachen wie mich auf eine Sache zu konzentrieren oder einfach nur ein normales Gespräch zu führen, nicht kann. Es geht einfach nicht. Ich kann mich mit niemandem länger als 2 Minuten normal unterhalten, und wenn dann nur unter enormem Kraftaufwand. Spaß habe ich dabei fast nie, mittlerweile habe ich eigentlich schon lange keinen wirklichen Spaß mehr gehabt. Bei nichts. Ich kann 3 Stunden auf einer Party sein und dabei mit niemandem reden, ich höre einfach anderen beim reden zu, mische mich ab und an mal ein, mache einen Witz.

Anmerkung: zwischen diesen beiden Abschnitten ist fast eine Woche vergangen weil ich mich zu nichts bewegen konnte.

Wenn mir jemand etwas erzählt kann ich mich direkt danach nicht erinnern was mir erzählt wurde. Ich habe das Gefühl dass mein Gehirn regelrecht degeneriert, als würde ich immer dümmer werden. Teilweise winken Menschen, die mit mir sprechen in mein Gesicht und fragen „Hallo, bist du noch da?“. Es ist einfach extrem frustrierend.

Ich bin irgendwann auf das Thema Dopamin gestoßen und habe recht schnell gemerkt dass der Dopaminhaushalt bei mir wirklich durcheinander zu sein scheint. Ich habe daraufhin ein Vipassana-Meditations-Seminar gemacht. 10 Tage nicht reden, kein Fernseher, kein Buch, nicht reden, kein Alkohol, wenig essen. Nur schlafen und meditieren. 10 Tage lang. Und ich habe es durchgehalten.
Die anderen Teilnehmer haben nach dem Seminar, das ich übrigens tatsächlich nur wärmstens weiterempfehlen kann, von wirklich tollen Erfahrungen erzählt. Wie ruhig und glücklich sie nach dem Seminar waren. Nur ich nicht, bei mir lief im Kopf ununterbrochen Musik (Guns n Roses, gibt bessere Musik zum meditieren) und ich habe Selbstgespräche geführt. Viele der anderen Teilnehmer hatten am Ende bei mir einen Spitznamen. Was ich damit sagen will ist dass ich selbst nach 10 Tagen NICHTS tun immer noch unter Hochspannung stand und nicht zur Ruhe kommen konnte.

Ich bin dann zu einem Psychotherapeuten gegangen, den ich wirklich spitze finde, der aber eine Wartezeit von über einem Jahr hat (8 Monate sind vorbei, kein Ende in Sicht, aber gut Ding will Weile haben). Er meinte im Vorgespräch „das kann aber auch ADHS sein. Belesen Sie sich mal darüber.“, das habe ich dann auch gemacht. Ich war bis dahin einer von der Sorte die denken „ADHS gibt es gar nicht, die Pharma-Industrie will nur Geld machen und die Kinder müssen weniger zocken!“. Dann machte alles Sinn, hier habe ich mich wirklich selbst erkannt wie nie zuvor. Ich habe einen online-ADHS-Test gemacht und voila - 29 von 32 Symptomen. Lange Rede kurzer Sinn: ich bekomme jetzt Medikinet adult, nach dem Frühstück und nach dem Mittagessen. 5 Gramm - keine Wirkung. 10 Gramm - keine Wirkung. 20 Gramm - am ersten Tag Herzflattern, seitdem keine Wirkung. Da bin ich bis jetzt stehen geblieben.

Ist das normal? Kann es wirklich sein dass ich hier noch gar nichts merke? Das Methylphenidat wirkt ja an den Synapsen, da sollte ja eigentlich zumindest etwas ankommen.

Vielleicht könnt ihr mir hier weiterhelfen und wir können ein Paar Erfahrungen austauschen, es ist wirklich frustrierend...


Danke euch,

Chris

SusanneG Offline



Beiträge: 9.836

17.12.2019 22:42
#2 RE: Ein kleiner Ausschnitt meines Lebens... Ich stelle mich vor. Antworten

Herzlich willkommen Chris!

Vielen Dank für deinen langen Beitrag. Du wirst bestimmt viele Antworten bekommen. Da ich nicht weiß, wie viel ich heute noch schaffe, fange ich mal ganz unten an:

Zitat von Chris19882 im Beitrag #1
ich bekomme jetzt Medikinet adult, nach dem Frühstück und nach dem Mittagessen. 5 Gramm - keine Wirkung. 10 Gramm - keine Wirkung. 20 Gramm - am ersten Tag Herzflattern, seitdem keine Wirkung.

Biste sicher, dass es sich um Gramm handelt . Können wir uns auf Milligramm einigen?

Sorry, der musste jetzt sein - bei DER Vorlage !

Zitat von Chris19882 im Beitrag #1
ich bekomme jetzt Medikinet adult, nach dem Frühstück und nach dem Mittagessen. 5 Gramm - keine Wirkung. 10 Gramm - keine Wirkung. 20 Gramm - am ersten Tag Herzflattern, seitdem keine Wirkung. Da bin ich bis jetzt stehen geblieben.

Dass du bei 5 mg und auch bei 10 mg nicht viel bis nichts merkst, ist ok. Man fängt bei der kleinstmöglichen Dosis an und steigert die Dosis so lange, bis man eine Wirkung feststellt. 20 mg, das ist dann sowas wie eine normale, durchschnittliche Dosis. Bleib mal ne Weile bei dieser Dosis, bevor du erhöhst. Lass uns lieber rausfinden, wieso du bei 20 mg nichts merkst. Wobei ... Herzflattern ist ja auch sowas wie eine Wirkung, wenn auch nicht die erwartete.

Es gibt drei Gründe, weshalb ein Medi nicht funktioniert:

1. falsche Dosierung (daran arbeiten wir jetzt);
2. falsches Medikament (das kommt in Betracht, wenn sich bei egal welcher Dosierung gar nichts tut);
3. falsche Erwartungshaltung (darüber können wir diskutieren, wenn ich wieder wach bin).

Wir kriegen das hin mit der Dosierung, dem Medi und deiner Erwartung. Das haben wir Foris bisher noch immer geschafft.

Was genau hast du denn im Magen, wenn du die Kapsel nimmst? Medikinet adult erfordert eine reichliche Mahlzeit, fetthaltig, wenig Milchprodukte. Dein Herzflattern könnte darauf hindeuten, dass nicht besonders viel im Magen war, als du das Medi genommen hast. Medikamente nicht mit Milch, Grapefruit- oder Ananassaft einnehmen (das gilt für so ziemlich alle Medikamente, nicht nur für MPH).

Sollte Medikinet adult einfach nicht "dein Medi" sein, gibt es noch etliche andere. Bevor du das Medikament wechselst, solltest du sicher sein, dass das vorige Medikament gar nicht funktioniert.

Nur zur Info für dich: Bei mir funktioniert Medikinet adult nicht, und etliche andere MPH-Medis auch nicht. Ich weiß, warum, und ich habe "mein Medi" gefunden.

Zitat von Chris19882 im Beitrag #1
Ist das normal? Kann es wirklich sein dass ich hier noch gar nichts merke? Das Methylphenidat wirkt ja an den Synapsen, da sollte ja eigentlich zumindest etwas ankommen.

Jetzt sind wir bei der Erwartungshaltung. Was genau soll denn das Medikament tun, damit du sagst, es wirkt?

Ja, MPH wirkt an den Synapsen - dort sorgt es dafür, dass die abgebende Nervenzelle den Botenstoff Dopamin nicht so schnell wieder aufnimmt und so die Informationen von der einen Nervenzelle zur nächsten gelangen. Mehr nicht. Wirkung ist, was du daraus machst.

Frag mal Menschen in deinem Umfeld, ob sich bei dir etwas verändert hat. Andere merken es schneller als man selbst.

So viel für heute ...

Lesen gefährdet die Dummheit

Chris19882 Offline



Beiträge: 2

18.12.2019 17:29
#3 RE: Ein kleiner Ausschnitt meines Lebens... Ich stelle mich vor. Antworten

Hi Susanne,

Vielen Dank erst mal für deine ausführliche Nachricht, ich weiß die Hilfe wirklich zu schätzen, vor allem da du ein ehrliches Interesse an dem Thema hast!

Du hast natürlich Recht, es sind nicht Gramm, sondern Kilogramm MPH 😜 nein im Ernst, Milligramm.

Ich nehme die erste 20mg-Kapsel nach dem aufstehen (6:00 Uhr), esse davor eine Banane. Da sind natürlich kaum fette drin, ich werde das morgen mal mit etwas Erdnussmus oder sowas versuchen. Mittags esse ich immer Fleisch oder Fisch, da sollte also ausreichend fett drin sein. Ich trinke nur Wasser, keine Säfte, und Milchprodukte esse ich nur abends und am Wochenende zum Frühstück (Körnigen Frischkäse), das sollte also passen.

Zum Thema Dosierung - da mache ich nur das was der Neurologe sagt, keine Experimente. Ich bin jetzt seit 2 Wochen bei 2x20mg, wollte morgen noch mal da anrufen da ich über die Feiertage neue Medikamente brauche, komme sonst nicht hin. Da spreche ich es noch mal an.

Kannst du sagen wieso Medikinet adult bei dir nicht funktioniert / wirkt? Wie viele musstest du ausprobieren bis du „deins“ gefunden hast?

P.S.: Ich schreibe vom Handy aus, deswegen kann ich leider nicht zitieren 😉.

Meine Erwartungshaltung, das ist natürlich ein komplexes Thema. Ich erwarte dass sich meine Impulsivität verbessert und ich weniger ablenkbar bin und mich besser konzentrieren kann. Keine Wunder, sofern ich das beurteilen kann. Ich bin bereit jeden Tag eine Stunde zu meditieren und den präfrontalen cortex zu trainieren wenn das hilft, aber meditieren ist für mich im Moment wirklich ein Kampf gegen Windmühlen. Ich würde auch auf sämtliche Computer- und Handyspiele verzichten, genauso wie Zeit auf YouTube stark reduzieren und mehr Bücher lesen. Ich habe das auch schon versucht, aber ich werde dann wirklich wahnsinnig. Eine Seite in einem Buch zu lesen und zu verstehen dauert an einem guten Tag 10 Minuten, manchmal lese ich eine Stunde lang die selbe Seite und habe sie immer noch nicht verstanden. Dann kann ich es auch lassen und eine Stunde schlafen, dabei lerne ich genauso viel. Vielleicht klingt hier gerade etwas meine Frustration durch, aber ich will wirklich was erreichen und bin einfach nicht dazu in der Lage bei den Basics anzufangen...

Ich werde versuchen noch einen längeren Artikel mit meinen Symptomen und Erlebnissen zu verfassen, zum einen weil sich da vielleicht jemand wiederfindet und zum anderen um es etwas besser zu verarbeiten. Ich sehe mal wie ich damit vorankomme.


Viele Grüße und danke im Voraus für die weiteren Nachrichten,

Chris

SusanneG Offline



Beiträge: 9.836

18.12.2019 20:46
#4 RE: Ein kleiner Ausschnitt meines Lebens... Ich stelle mich vor. Antworten

Zitat von Chris19882 im Beitrag #3
..., vor allem da du ein ehrliches Interesse an dem Thema hast!

Ich bin hier die, die für die Medis zuständig ist - und Aufgeben ist keine Option.

Zitat von Chris19882 im Beitrag #3
..., es sind nicht Gramm, sondern Kilogramm MPH

Jess! Du gehörst zu uns, sei willkommen!

Zitat von Chris19882 im Beitrag #3
..., esse davor eine Banane. Da sind natürlich kaum fette drin, ich werde das morgen mal mit etwas Erdnussmus oder sowas versuchen.

Banane zählt nicht ; nicht wegen des Mangels an Fett, sondern weil das viel zu wenig ist. Erdnussmus ist ok, aber bitte etwas mehr davon. Eine große Scheibe Brot sollte schon unter dem Erdnussmus sein

Zitat von Chris19882 im Beitrag #3
Kannst du sagen wieso Medikinet adult bei dir nicht funktioniert / wirkt? Wie viele musstest du ausprobieren bis du „deins“ gefunden hast?

Wie lange hast du Zeit ? Ok, ich versuche mich mal an der Kurzfassung.

Als ich mit der Medikation angefangen habe, gab es nur sofort freisetzendes Ritalin, Medikinet, Equasym - nix retardiertes. Ich habe mit Ritalin begonnen und es hat gepasst. Medikinet hatte ich probiert - war nix. Ein Generikum von Medikinet war genauso nix. Equasym wiederum hat auch funktioniert.

Ritalin SR, Ritalin LA, Medikinet retard, Equasym retard und Concerta waren die ersten retardierten Produkte. Ritalin SR gibt (gab?) es nur mit 20 mg und das hat mich aus den Socken gehauen. Irgendwie gefiel mir Concerta am besten, das hat bei mir auch funktioniert. In der Klinik gab es Versuche mit Medikinet retard, Ritalin LA und Equasym retard - war alles nix.

Neun Medis - und nur drei funktionieren. Was haben diese sechs Medis, die nicht wirken, gemeinsam? Das war der Moment, an dem ich anfing, mich detailliert für die MPH-Medis zu interessieren. Und ich fand heraus, dass diese sechs Medis, die bei mir nicht wirken, allesamt mit Maisstärke gebunden sind.

Dann kam die Gesundheitspolitik auf die Idee, Medikamente mit dem gleichen Wirkstoff seien grundsätzlich austauschbar. Ich hing erst mal an der Decke und nachdem ich eine Petition eingereicht hatte, entstand das hier: Kartoffelmüsli

Wären die Versuche bei mir in einer anderen Reihenfolge erfolgt, hätte ich möglicherweise verdammt lang ausprobieren müssen, bis was gepasst hätte. Ich hatte einfach Glück, dass es die vielen unterschiedlichen Medis noch gar nicht gab, als ich mit der Medikation anfing.

Ooops! Kurz kann ich einfach nicht .

Zitat von Chris19882 im Beitrag #3
Ich erwarte dass sich meine Impulsivität verbessert und ich weniger ablenkbar bin und mich besser konzentrieren kann. Keine Wunder, sofern ich das beurteilen kann.

Wunder nicht gerade, aber versuche es mal eine Stufe tiefer. Das Problem sitzt bei uns hauptsächlich im präfrontalen Kortex - das ist die Gehirnregion, die u.a. für die exekutiven Funktionen verantwortlich ist. Das Medikament hilft dabei, die irrsinnig vielen Reize zu sortieren, damit auch die "richtigen" Reize dort landen, wo die exekutiven Funktionen ausgelöst werden.

Beobachte mal den Bienenkorb in deinem Kopf. Wenn es dort ein bisschen weniger summt, macht das Medi seinen Job.

Zitat von Chris19882 im Beitrag #3
Ich bin bereit jeden Tag ...

Vergisses, die ganze Aufzählung. Das bringt nix. Bemühe dich um eine Verhaltenstherapie, DAS bringt was.

Nur mal so nebenbei: Medikamente sollten bei ADHS immer von einer Verhaltenstherapie begleitet werden. Dort lernst du den wichtigen Schritt, dass die Reize, die jetzt richtig ankommen, auch das auslösen, was du haben willst. So, und an dieser Stelle sind deine Erwartungen an Impulsivität, Ablenkung und Konzentration jetzt völlig ok.

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